Die Kunst des Zuhörens

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Wer redet, sät, und wer zuhört, erntet – so sagt man in Argentinien. Die Kunst des Zuhörens ist vielen Menschen leider abhandengekommen. Dabei ist zuhören so wichtig. Zuhören ist eine aktive Tätigkeit. Nicht jeder der hört, hört auch zu. Wie Redner, Vortragende und Sprecher das Zuhören üben können, erfahren Sie in diesem Blogbeitrag.

Zuhören hat etwas mit teilnehmen zu tun, mit „ganz Ohr sein“. Man schenkt jemandem sein Gehör, seine Achtsamkeit und Beachtung. Zuhören gelingt nicht, wenn man abgelenkt ist, wenn man nur „mit halbem Ohr“ zuhört. Zuhören gelingt, wenn man hellhörig ist:
Zu-hören bedeutet hin-hören.
Zuhören bedeutet: Ich möchte etwas erfahren, verstehen.

Übrigens: Nur wer gut zuhört, kann auch gut erzählen. Und nur wer zuhört, weiß viel. Mehr als zwei Drittel unseres Wissens nehmen wir über das Hören auf, über das Visuelle nur weniger als ein Drittel. Auch das stellt unser Schul- und Lernsystem durchaus in Frage…

Zuhören ist eine Kunst, die mehr braucht als zwei Ohren
Ein echter, guter Dialog entsteht nur, wenn ich zuhöre. Ich kann mich sehr wohl um Kopf und Kragen reden, aber nicht um Kopf und Kragen zuhören. Wer zuhört, erfährt mehr. Das gilt übrigens auch für den Dialog mit mir selbst!
• Wer zuhört, erweist dem anderen (und sich selbst) Wertschätzung und Respekt.
• Wer zuhört, kann bessere Entscheidungen treffen und Wichtiges und Unwichtiges besser unterscheiden.
• Wer zuhört, beweist Empathie und soziale Intelligenz.

Die Kunst des Zuhörens kann man lernen, man muss es nur wollen. Zuhören ist eine komplexe Tätigkeit, die unsere Konzentration erfordert. Zuhören bedeutet aber nicht Schweigen, sondern den Anderen – oder sich selbst – mit allen Sinnen aktiv wahrzunehmen.

Im Gespräch bedeutet das,
• mehr zuhören als selber reden
• verbale wie nonverbale Signale aufnehmen,
• Blickkontakt halten,
• Zuwendung mimisch und gestisch zeigen,
• kurze, zustimmende akustische Bestätigungen äußern,
• nicht gleich unterbrechen, sondern Pausen zulassen, um das Gesagte zu verstehen,
• weiterführende Fragen stellen,
• Gesagtes nicht gleich bewerten,
• nicht gleich verstehen müssen,
• unterschiedliche Positionen akzeptieren,
• Emotion, Intuition und Intellekt mit einbeziehen sowie
• ausdrücken, was angekommen und „verstanden“ wurde.

Wussten Sie eigentlich, dass
• … Frauen besser hören als Männer, insbesondere Frequenzen um 1.000 Hertz, also z.B. Sprache?
• …wir pro Minute ca. 125 Worte sprechen, aber ca. 400 Worte hören können?
• …das rechte Ohr laut dem italienischen Forscher Luca Tommasi emotionale Wünsche und Apelle besser hört?
• …positive Nachrichten besser gehört, Schlechte dagegen eher ausgeblendet werden? Wenn Roger Cicero singt: „Ich verstehe was du sagst, aber nicht was du meinst“ wird klar, dass Männer manchmal eher selektiv zuhören…

„Hat man viel um die Ohren, fällt das Zuhören schwer.“ (Ernst Ferstl, *1955)
Vergessen Sie Multitasking. Sondern leisten Sie sich den Luxus, nur eine Sache – und nur die – zu tun. Ich höre immer wieder ganz bewusst zu. Als Übung und auch zur Erholung – mit allen Sinnen und „unabgelenkt“: Nicht nur, aber auch vor allem Musik, bewusst draußen die Geräusche der Natur, manchmal auch auf der Straße, im Kino – ja, im Kino!- oder Theater, im Vortrag, bei TV-Diskussionen…

Zugegeben, ich bin ein auditiver Typ. Ich höre die Menschen, und ich weiß meistens, wie er oder sie „gestimmt“ ist, wie es ihm geht:
• ob er z.B. ängstlich, unsicher, angestrengt, eitel, krank, genervt…
• oder interessiert, zugewandt, selbstbewusst, aufrichtig, positiv, gesund, humorvoll ist.

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold und Zuhören ist Platin
Bei einem neuen Kunden bitte ich z.B. immer zunächst um ein Telefongespräch, natürlich um seine Anliegen und die Wünsche zu erfahren, aber so habe ich auch schon darüber hinaus einen ziemlich umfassenden ersten Eindruck von der Person und ihrer „Stimmungslage“.

Meine Arbeit als Stimmtrainerin und Schauspielerin befasst sich nicht nur mit dem akustischen und körpersprachlichen „Äußern“. Würde ich nur auf einen angemessenen Klang, Lautstärke und Dynamik achten, bliebe es bei handwerklichem Tun. Dann erreichte ich bei meinen Kunden – und bei mir – „nur“ eine technisch einwandfreie und belastbare Stimme. Um aber die ganze Persönlichkeit zu verstehen und hörbar zu machen, bedarf es der Kunst des Zuhörens, um zu verstehen, zu lernen und in Dialog treten zu können.

Bei welchen Gelegenheiten nehmen Sie sich die Zeit, zuzuhören?