Warum Vordenker vorlesen und warum Sie häufiger (Vor-) Lesungen halten sollten

VorlesenStimme

Können Sie sich an die Geschichten erinnern, die Ihnen als Kind vorgelesen wurden? Wenn man anderen Menschen Geschichten, Informationen oder Romane vorliest, entstehen Verbindungen. Dabei können Vorlesende von einem angenehmen Nebeneffekt profitieren: Sie trainieren ihre Stimme und ganz nebenbei auch das schauspielerische Talent. Worauf es beim Vorlesen ankommt, erfahren Sie in diesem Artikel.

„Mama, noch mal!“ – Kinder lieben es, Geschichten vorgelesen zu bekommen. Kinder lieben das Ritual – Kuscheln, Nähe, Zuwendung – und ich kann mich an viele schöne Vorlesesituationen in meiner Kindheit erinnern. In meiner Familie wurde viel vorgelesen. Mein Vater hat sogar oft meiner Mutter vorgelesen.

Vorlesen ist aus vielen Gründen sehr wertvoll, nicht nur für Kinder: Zuhören entspannt und bildet. Geschichten werden geteilt, zusammen erlebt. Aus Vorgelesenem entstehen Diskussionen. Es prägt die Lesekompetenz und sorgt für die Ausbildung unserer Fantasie.

Mein Mann und ich sind Vorleser aus Leidenschaft: Für unsere Kinder und die in SOS-Kinderdörfern. Ich werde im Rahmen der Aktion „Literatur in Häusern“ Erwachsenen vorlesen: Am 29. Mai in Bonn und am 30. Mai 2015 in Hamburg aus dem ganz ungewöhnlichen Roman „Champagner aus Teetassen: Meine letzten Tage in Russland“ von Teffy.

Bei welchen Gelegenheiten lesen Sie wem vor? Anlässe gibt es viele:
• Für Kinder: Gutenachtgeschichten, in der Schule oder im Kindergarten
• Für alte Menschen, wenn die Augen nicht mehr mitmachen
• Für Lesende: Als Autor bei Lesereisen und Autorenlesungen
• Für Lernende: Als Professor oder Lehrer
• Für Freunde und Familie: Laden Sie doch mal zu einem Geschichtenabend, einem Erzählkino oder einem Märchencafé ein. Oder nehmen Sie eine selbst verfasste Geschichte oder einen Liebes- oder Lobesbrief mit dem Handy als mp3-Datei auf! Ich habe meinem Mann zum 50. Geburtstag eine CD mit Liebesgedichten aufgenommen – die Freude war groß!

Worauf kommt es beim Vorlesen an?
Ihre Stimme? Innere Einstellung? Oder die Vorbereitung?

Alle drei Faktoren sind wichtig:
1. Wärmen Sie Ihre Stimme auf. Wenn Sie vor einem größeren Auditorium sprechen: Nehmen Sie sich ein paar Minuten für ein Warm-up! Ein bisschen Singen, ein bisschen Lippenflattern, ein paar Lautübungen. Wie das genau geht und wie man mit Lampenfieber zurechtkommt, beschreibe ich in meinem Buch „Die 7 Säulen der Stimme (be-)stimmen: Das Stimmtraining für Ihren persönlichen Erfolg“.  Das dauert nur wenige Minuten und Sie werden den Unterschied spüren!

2. Bereiten Sie sich vor: Lesen Sie die Geschichte laut vor und ganz durch. Denn nur wenn Sie wissen, was als nächstes kommt, können Sie die wörtliche Rede, die Pausen, die Pointen besser präsentieren. Markieren Sie im Text, wo Sie Pausen machen, wo die Stimme rauf oder runter gehen soll, wo’s traurig oder heiter wird. Ich arbeite mit Smileys und Pfeilen als „Regieanweisungen“. Überprüfen Sie vorher, wo Sie lesen: Wie ist die Akustik? Haben Sie genug Licht? Welches Getränk soll bereit stehen? Text und Brille – sofern Sie eine brauchen – nicht vergessen! Manchmal nehme ich die Brille, manchmal bereite ich den Text im Großdruck vor.

3. Wecken Sie Ihr schauspielerisches Talent: Wenn Sie wollen, dass sich Ihre Zuhörer langweilen und einschlafen, dann lesen Sie am besten mit einer ganz monotonen Stimme vor, sehr schnell oder Sie nuscheln ein wenig, damit man Sie nicht versteht. Lassen Sie Absätze, wörtliche Rede und Emotionen außen vor.

Wenn Sie aber wollen, dass Ihr Publikum bei Ihnen und der Geschichte bleibt, mitfiebert und mitgerissen wird, dann inszenieren Sie Ihr Vorlesen und setzen Sie Ihre Stimme gezielt ein:
• Weisen Sie den sprechenden Personen unterschiedliche Stimmlagen zu.
• Erwecken Sie die Geschichte mit Ihrer Stimme zum Leben: Werden Sie mal leise, mal laut, mal schnell, mal langsam, mal hoch, mal tief – wenn’s angebracht ist!
• Machen Sie Pausen!
• Unterstützen Sie mit Gestik, Mimik und Körpersprache – ohne zu übertreiben.
• Suchen Sie zwischendurch den Blickkontakt zu Ihrem Publikum.
• Üben Sie vorher laut und lesen die Geschichte einem Testpublikum vor.

Und davon werden Sie auch bei Ihrer nächsten Präsentation, Rede, Ihrem Sales-Pitch oder in einem beruflichen Gespräch profitieren. Denn je mehr Sie solche Storytelling-Situationen üben, desto gezielter können Sie Ihr wichtiges Instrument Stimme einsetzen. In meinen Stimmtrainings erlebe ich oft nach nur wenigen Stunden Übung eine deutliche Verbesserung der Sprechenden in Bezug auf die Modulation ihrer Stimme. Für alle, die an meinen Trainings bereits teilgenommen haben, biete ich übrigens im November 2015 ein Aufbautraining an. Dabei arbeiten wir an der Stimme, Körpersprache, der freien Rede, dem Vorlesen sowie dem „Storytelling“.

4. Stehen Sie hinter der Geschichte: Wenn Sie an den vorgelesenen Inhalten zweifeln, wird Ihr Publikum das spüren. Lesen Sie nur vor, was Sie selbst begeistert. Und bleiben Sie bei der Geschichte. Ja, man kann vorlesen und an etwas anderes denken. Das ist beim Vorlesen aber nicht angebracht. Ihr Publikum spürt Ihre Präsenz! Wenn Ihnen das Vorlesen Spaß macht, Sie mit Begeisterung und Freude dabei sind, dann hat auch Ihr Publikum Spaß!

Welche Geschichten lesen Sie am liebsten vor?